Meine erste Kuschelparty JETZT SZ

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Meine erste Kuschelparty

Auf Kuschelpartys nehmen sich fremde Menschen in den Arm. Warum? Ein Selbstversuch.
Von Marlene Mengue
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Foto: Marlene Mengue

Warmer Atem strömt direkt in mein Ohr. Hände wandern über meinen Bauch. Ich weiß schon gar nicht mehr, wem welcher Arm gehört, so viele Gliedmaßen streichen über mich hinweg. Und immer dieser warme Atem. Irgendwie ist es unangenehm. Vor allem, weil ich den Mann, der mich anhaucht, erst seit drei Stunden kenne. Aber ich halte durch. Denn ich bin dabei, herauszufinden, warum die Leute um mich herum sich in die Arme von völlig Fremden legen – und warum Kuschelpartys so beliebt sind.

Angefangen hat alles an einem Freitagabend, halb acht, in einer Tanzschule in der Münchner Innenstadt. Wo die Leute an anderen Tagen Salsa oder Rumba tanzen, soll heute also gekuschelt werden. Der Zeitgeist ist das wohl. Der Bedarf an Berührung ist groß: Im Internet bieten sogenannte Kuscheltrainer oder Coaches in mehr als vierzig deutschen Städten Möglichkeiten zum Näherkommen. Die Websites versprechen Entspannung für Körper und Seele – und Berührung ohne sexuelle Hintergedanken. Küssen und erogene Zonen anfassen ist nicht erlaubt. In München gibt es sogar „Rauf- und Kuschelpartys“, wo es etwas wilder zugeht und die Teilnehmer vor dem Schmusen erst spielerisch miteinander rangeln. Es gibt Partys, bei denen getanzt oder meditiert wird, und sogar Wasserkuscheln im Schwimmbad.

Und es gibt die Kuschelabende von Holger. Der grauhaarige, charismatische Mann sitzt an der Theke und kassiert 25 Euro. Eintritt. Das Essen, das es später noch geben wird ist mit drinnen. Wer nicht viel verdient, darf weniger zahlen.

Viele Teilnehmer kommen direkt von der Arbeit. Ein stämmiger Mann im Anzug verschwindet in der Umkleidekabine. Kurz darauf taucht er in Jogginghose und T-Shirt wieder auf. Allmählich füllt sich der große Tanzsaal mit 22 Menschen. Matratzen bedecken das Parkett. Das Licht ist gedimmt, Lichterketten winden sich um die Barren, an denen sonst Ballerinas ihre Beine strecken.

Ich klammere mich mit schwitzigen Händen an die Holzstange und beobachte, wie die Leute sich im Raum verteilen. Ich beobachte einen angegrauten Mann, dessen Augen von Lachfalten umrandet sind. Eine Frau mit wallenden dunkelroten Haaren und schlackernder Hippiehose. Ich hatte unattraktive Menschen erwartet, die keinen Partner abkriegen. Stattdessen sind einige gutaussehende Frauen und Männer dabei. Die meisten wirken sehr sympathisch, drei oder vier erinnern mich an Lehrer aus meiner Schulzeit. Nur bei einem Typen denke ich: Dem will ich auf keinen Fall zu nahe kommen. Das ist der mittelalte Mann, der alle anderen mit lässigem Handschlag, herzlicher Umarmung und krachenden Rückenklopfern begrüßt. Zu viel Überschwang. Das schüchtert ein. Mich zumindest.